Ein offener Brief von Martin Schmitt
Zwinger " vom Bungalow " Gerbe, F 03110 St. Remy 20.05.1996

In den letzten Jahren hat sich eine Kluft aufgetan die unsere Rasse in zwei Lager aufspaltet:

Das Ausstellungslager!  Das Leistungslager!

Artikel und Vorträge von massgebenden Leuten zeigen diese auseinander treibenden Populationen deutlich auf.
Die neue Vereinsführung hat den Wunsch diese beiden Lager wieder zusammenzuführen.
Frage: Wie ist die Kluft entstanden, warum vertieft sie sich?

Das Zuchtbuch Nr. 1 des SV, herausgegeben vom 1. Vorsitzenden Rittmeister von Stephanitz und dem Zuchtbuchführer M. Engert-München führt die ersten 750 eingetragenen Zuchttiere unserer Rasse auf. Jedes Tier wird mit Alter, Abstammung, Haarkleid, Farbe, Herdentätigkeit, Ausstellungsergebnissen, Züchter und Besitzer festgeschrieben und zum Teil mit Foto dargestellt. Die Bestimmungen für Die Eintragung wurden am 12. Mai 1900 von der ersten Mitgliederversammlung ( 60 Mitgliedern ) unter dem Vorsitz des Rittmeisters angenommen und festgeschrieben.

607 der 750 eingetragenen Tiere, das heisst 81% des Fundaments unserer Rasse waren grau- in allen von uns noch heute geläufigen Schattierungen. Sie sind rechts in der Ahnentafel festgeschrieben.

Nach einer Abwesenheit von fast zwei Jahrzehnten bin wieder nach Deutschland zurückgekommen und war über die inzwischen eingetretene Entwicklung der Rasse erstaunt.

Um mir ein klares Bild über den derzeitigen Stand zu machen, war es erforderlich die bei mir entstandenen Informationslücken aufzufüllen und auf die mir bekannten Ausgangspunkte zurück zu gehen.

Mein erster tiefgreifender Kontakt mit unserer Rasse liegt im Jahr 1948. Der erste Vorsitzende der Ortsgruppe Saarbrücken St. Johann und gleichzeitig Vorsitzender der Landesgruppe Saar, der Zuchtrichter und Körmeister Rudolf Backes, war mir Lehrer und väterlicher Freund.

Nach einem zeitraubendem Studium ist mir heute klar, warum viele Hunde auf den Leistungsveranstaltungen der Nachkriegszeit bis zum heutigen Tag grau sind und graue Ahnen, Eltern und Geschwister haben!

Leider ist in den letzten Jahrzehnten der graue Hund immer mehr aus der Zucht herausgedrängt worden. In den 50er und 60er Jahren waren noch viele graue Hunde auf den Hauptzuchtschauen vertreten. Zwinger wie v.Johannishauch, v.Stuhrigau, v.Brombergchen, v.Busecker Schloß, v.Haus Knüffken waren oft vertreten. Rüden wie Nico Haus Beck, Bert Haus Knüffken, aber auch die schwarzgelben Arno Haus Schwingel oder Bernd Lierberg haben der Rasse ihren Stempel aufgedrückt und waren in fast allen Ahnentafeln des Ausstellungslagers wie auch des Leistungslagers immer wieder zu finden.

Der Körmeister und Zuchtrichter ist ebenso wie der Leistungsrichter der Garant der Wahrer und Bewahrer des Rassestandards.

Die Vereinsführung darf nicht dulden, dass ein Körmeister der oft die Siegerschau richtet und so die Rasse entscheidend beeinflusst für eine graue Hündin folgendes Urteil fällt: schöne, gut angelegte Hündin, Gebäudedetails positiv, Wesen sicher, Mut und Kampftrieb ausgeprägt, normalerweise Kkl.1, leider ist die Hündin grau, die Farbe gefällt mir nicht, als Kkl.2 und das Urteil dreist mit seinem persönlichen Geschmack begründet. Frage: kennt dieser Mann den Standard nicht?? Oder masst er sich an, offen gegen den Standard zu richten???

Ein uns allen bekannter Züchter hat seit der Nachkriegszeit Pionierarbeit geleistet. Viele Hunde aus seinem Zwinger waren sowohl auf Siegerhauptzuchtschauen wie auch auf Siegerprüfungen und Bundesleistungshüten vertreten und hoch bewertet.
Ich denke da an: Harras und Hektor, Uri und Pollux, an Veit und Valet, an Sirk und Seffe, an Eros und Eiche, an Gildo und Goda, an Werro und Sagus und viele andere vom Buseckler Schloß. Dieser Name taucht in fast allen Ahnentafeln immer wieder auf und wir alle, das Leistungslager wie auch das Ausstellungslager sind ihm, Alfred Hahn und seiner Gattin, die stets mit Herz und Hand dabei war zu ewigem Dank und bleibender Anerkennung verpflichtet. Ich betrachte ihn als väterlichen Freund. Von allen mir bekannten Züchtern ist Alfred Hahn dem Ziel der Vereinsführung, das heisst der Vereinigung von Leistung und Schönheit, am nächsten gekommen. Er hat mir einmal vor 30 Jahren gesagt: " Auch ein schöner darf gut sein! Auch ein guter darf schön sein!

Während meiner Abwesenheit haben einige jüngere Züpchter gute Basisarbeit geleistet. Ich denke in alphabetischer Reihenfolge an: v.d.Abfuhr, v.d.Fasanerie,
v.Glockenstreit, v.Höllbachgrund, v.Körbelbach, v.Leipheimer Moor, v.Lusenpark.

Mir persönlich sind nach diesem Studium von mehreren hundert Stunden die Leistungsträger, Leistungsvererber und Leistungsverbesserer auf der Rüden- und Hündinnenseite bekannt und es wird Aufgabe der eben genannten Züchter und mir sein aufbauend auf den erwähnten Rüden + der Basis + einigen guten Hündinnenlinien ein Zuchtprogramm zu entwickeln und in unseren Zwingern zu testen.

Wir können sogar den Wunsch der Vereinsführung nach Annäherung von Leistung und Schönheit Rechnung tragen. Es bleibt natürlich abzuwarten, ob diese Annäherung alleine und ausschliesslich von uns der Leistungsseite erwartet und gefordert wird oder ob die Vereinsführung bereit ist auch unseren Sorgen Rechnung zu tragen.

Schäferhundezucht ist Gebrauchshundezucht!!!!!

Aus unserer Rasse mit einem Fundament von 81% Grauanteil darf der graue Hund nicht herausgedrängt werden.

Ich werde jetzt einige Rüden benennen die gut ins Programm passen und noch schnell verwendet werden sollten, bevor sie aus Altersgründen nicht mehr decken:
Emir Abfuhr, Arek Stoffelblick, Aik Haus Cindy, Torro Körbelbach, Zap Fasanerie. ( Hinweis: diese Meinung des Verfassers datiert aus Mai 1996, diese Rüden stehen der Zucht leider nicht mehr zur Verfügung, aber diese Linien sind weiterhin aus meiner Sicht, mit noch einigen anderen bewährten Leistungsträgern, ein Garant für unsere erfolgreiche Leistungszucht. )

Der Standard

Ich habe zusammen mit einem Tierarzt eine Statistik aufgestellt. In dieser werden 2.624 Rüden 1.800 Hündinnen ausgewertet. Sie beginnt im ersten Jahr der Körung, das heisst 1922 für Rüden und 1926 für Hündinnen. Sie läuft dann über 1936, 1942-48 = 1. Körbuch, 1956, 1966, 1975. Hier wurden Grösse und Gewicht einzelner Tiere aus den Körbüchern erfasst und dann rechnerisch und graphisch dargestellt:
Ohne hier zu weit ins Detail zu gehen kann man sagen:

Grösse für Rüden

1922 war die Mittelgrösse für Rüden 64,05
Wenn eine Rasse hartnäckig versucht aus dem Standard auszubrechen und um zu ihrer ursprünglichen Grösse zurückzufinden ist eine feineinstellung des Standards angebracht.
Rüden mit 60 und 61 cm sind heute ebenso Fremdkörper in einer Klasse wie Rüden mit 68 und 69 cm.
62 – 66 cm mit Mittelwert 64 cm bietet sich logisch an.

Grösse der Hündinnen

Hündinnen mit 55 cm sind heute ebenso Fremdkörper wie mit 63 cm 57 –61 cm mit Mittelwert 59 cm bietet sich an.

Gewicht für Rüden in Gewichtsgruppen

1922 = 87% bis 33,5 kg
1956 = 89,8% bis 48,0 kg
1966 =93% bis 48,0 kg
1975 = 83,2% bis 48 kg

Gewicht für Hündinnen in Gewichtsgruppen

1926 = 72% bis 28,5 kg
1956 = 86% bis 43 kg
1966 = 78% bis 43 kg
1975 =53% bis 35 kg

Das sprunghafte Ansteigen des Gewichts 1956 fällt mit der gehäuften Zuchtverwendung von Rolf Osnabrücker Land und seiner Geschwister und Söhne zusammen. Das weitere Ansteigen 1966 geht auf die Zuchtverwendung seiner vielen erfolgreichen Söhne und Enkel seines Schwesternsohnes Hein Richterbach und dessen Nachkommen und die gehäuften Inzuchten auf diese Familie zurück. Das Absinken des Gewichts 1975 fällt mit dem verstärkten Röntgeneinsatz gegen die Hüftgelenksdysplasie zusammen.
Die Arbeitshypothese = hohes Gewicht = Dysplasie bietet sich an. Die Untersuchung der Röntgenergebnisse und der Zusammenhang mit der gewichtssteigernden Familie durch den SV wäre sicher interessant.

Zu schwere und zu grosse Hunde sind nicht mehr gebrauchstüchtig!
Gewichte mit 33 kg für Rüden und 28 kg für Hündinnen sind wie 1922 und 1926 festgeschrieben, sicher ideal.

Rüden mit 40 kg und darüber, Hündinnen mit 35 kg und darüber sind nicht mehr gebrauchstüchtig und treten im Ursprungsdienst unserer Rasse, d.h. im Hütedienst nicht auf.

Die letzten beiden Präsidenten haben unsere Rasse in einen genetischen Engpass geführt. Bei vielen Spitzenhunden ist eine Inzucht auf die gewichtssteigernde d.h. die Rolf-Familie über viele Generationen mit einer Anhäufung von 10 bis 20 mal und darüber keine Seltenheit.

Der neuen Vereinsführung und besonders dem neuen Vereinszuchtwart fällt die schwere Aufgabe zu, die Rasse vorsichtig aus diesem Engpass herauszulenken, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten.

Genotypendatenbank

Der Gentechniker der diese Datenbank einspeisen soll, kann nur dann positive Arbeit für die Rasse leisten, wenn er in seiner Arbeit von einigen alten, erfahrenen Züchtern begleitet wird, Je weiter ihre Erinnerungen und Erfahrungen in die Vergangenheit zurückreichen je wertvoller wird ihre Mitarbeit sein.

Die genetische Vielfalt unserer jungen Rasse wird der Vereinsführung sicher von Nutzen sein, um die Versäumnisse der letzten sieben Jahrzehnte auszubügeln.
Hoffen wir, dass die Vereinsführung, uns dem leistungsorientierten Lager die Gelegenheit lässt, den guten, oft grauen Gebrauchshund weiter zu verbessern und in Form und Gebrauchswert auf das vom Rittmeister festgeschriebene gemeinsame Ziel zu führen.

gez. Martin Schmitt

Die Ausführungen von Martin Schmitt sind wie eingangs erwähnt, bereits 5 Jahre alt, haben von der Aktualität nichts verloren. Ich befürchte das dies in weiteren 5 ja sogar 20 Jahren ein ebenso aktuelles Thema sein wird. Eine Annäherung der beiden Lager scheint mir nicht gewollt und leider auch aus finanziellen Gründen nicht machbar. Nach dem Motto: wer einmal an dem Fleischtopf sitzt, gibt ihn freiwillig nicht auf.

Herbert Born

Zurück